Der Anfang 4

Der Anfang 4

67 verließ ich die Schule. Ich hatte es geschafft nicht sitzen zu bleiben, das war auch alles. Das Zeugnis war nicht besonders. Gerade genug eben nicht sitzen zu bleiben. Ich begann eine Lehre als Maschinenschlosser. Ich hatte keine Ahnung was ich werden wollte. Ich hatte kein ich. Ich tat das was am Einfachsten war und folgte dem ausgetreckten Finger. Lehre war Vorgeschrieben und ich hatte keine Wahl. Also suchte ich mir das Bekannte. Mein Vater war Dreher und hatte eine eigene Werkstatt. Ich kannte mich aus. Auch wenn ich nicht viel mehr gemacht hatte als Farbe auf Gusseisernen Ventilen zu streichen die mein Vater repariert hatte. Ich musste oft helfen nach der Schule. Das war normal. Zumindest für mich. Mein Weg war vorgezeichnet, so sah es jedenfalls damals aus. Allerdings war ich schon damals nicht mehr in der Lage eine Zukunft für mich zu sehen. Ich wollte eigentlich nur noch raus. Ich hasste diese Familie. Ich war allein und hatte keinen Plan. Pubertät. 16. Die Anderen bekamen Mopeds, ich musste zusehen. Kein Führerschein. Gut ich hatte nur noch ein Auge, aber das war kein Grund mir das zu verwehren. Ich war wieder ausgeschlossen. Im Nachhinein hätte auch ein Führerschein nichts geändert. Alles hätte anders sein müssen. Meine Eltern hätten menschliche Wesen sein müssen und keine perversen Monster. Aber das waren sie nicht und so ging alles den vorbestimmten Weg. Es kam der Alkohol. Es kamen Alkoholexzesse. Die anderen fanden Haschisch. Die Zeit war im Umbruch. Allerdings bekam ich von diesen ganzen Geschichten nichts mit. Es interessierte mich nicht. Mich interessierte nichts außer meinen Problemen mit denen ich nicht fertig werden konnte. Im Rausch packte ich eine Tasche, klaute Geld aus dem Portemonnaie und haute mitten in der Nacht ab. Ziel Frankreich, Paris. Per Anhalter fuhr ich Stockbesoffen nach Frankfurt. Dort kaufte ich eine Fahrkarte nach Paris und kam bis an die Grenze. Ich hatte keinen wirklichen Plan, keine Ahnung wo ich gelandet wäre. Ich wollte ein Verbrecher werden. In der Tasche eine Strumpfmaske und ich glaube ich hatte auch eine Schreckschusspistole dabei. Als ich früh Morgens wieder nüchtern wurde holte man mich in Saarbrücken aus dem Zug und steckte mich in eine Zelle. Ich hatte nichts getan, also gab es keine Anklage. Da ich aber noch nicht volljährig war, blieb ich in der Zelle bis mein Vater mich abholte. Die Rückfahrt war Schweigsam. Es gab nichts zu Reden und ich wollte nicht Reden. Mit wem auch. Ich war wieder da, als sei nichts geschehen. Vergessen und Verdrängen, so war es üblich. Später haute ich noch mehrmals ab, aber immer ohne Ziel und ohne Plan. Der Alkohol machte mich mutig, ich verlor meine Angst und entschied mich immer Spontan. Es gab keinen Plan vorher, kein ausgedachtes Ziel. Was ohnehin von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, weil ich nicht volljährig war. Was immer ich auch tat, es machte keinen Sinn und war nur Ausdruck einer großen Hilflosigkeit. Ich musste da Weg, aber es gab keinen Weg dem Rattenloch zu entkommen in dem ich gefangen war. Da war auch niemand mit dem ich hätte Reden können. Ich war allein. Es gab nicht einen einzigen Menschen mit dem ich hätte Reden können und es war auch nicht ein einziger Mensch in meiner Nähe, der sich auch nur im Geringsten um mich gekümmert hat oder wenigstens mal Fragte wie es mir ging. Es war beschissen. Ich war wie in einem Zuchthaus und um mich herum nur Geisteskranke, Irrsinnige und Blöde. Die Alkoholexzesse fanden Regelmäßig an den Wochenenden statt. Unter der Woche trank ich nichts. Ich mochte kein Bier! Ich trank es weil alle Bier tranken und ich wollte dabei sein. Ich ging in die Kneipen zum Trinken und Karten spielen. Oder ich ging zu den Tanzveranstaltungen am Wochenende zum Saufen. Tanzen war nicht mein Ding. Freude war nicht mein Ding und Mädchen waren auch nicht mein Ding. Ich war Schüchtern, Ängstlich, brachte kaum ein Wort heraus. Und vollkommen orientierungslos in der Welt. Ich wollte eine Freundin, ich wollte auch Tanzen, aber ich hatte keine Ahnung wie man das macht und ich hatte Angst. Angst mit anderen Menschen zu reden, besonders mit Mädchen. Ich hatte kein Selbst. Ich hatte kein Ich. Im Grunde gab es mich nicht, ich war zwar körperlich vorhanden, aber nicht als ich. Ich hatte keine Ziele, keine Wünsche, keinen Geschmack. Ich stopfte in mich hinein was kam. Ich konnte nicht einmal sagen was ich nicht mochte, geschweige denn was ich mochte. Ich war einfach nicht als Ich vorhanden. Nach einigen Bier verlor sich die Angst. Ich konnte Reden. Ich erlebte mich als andere Person. Aber jetzt war ich besoffen und das kam auch nicht an. Es war ein Teufelskreis. Ich hatte keine Freunde, war mal hier und mal da dabei. Die älteren Jungs hatten schon die ersten Autos. Manchmal wurde ich mitgenommen. Mein erster Autoklau fand so seinen Anfang. Wochenende, wir waren nach Offenbach gefahren. Landeten in einer Kneipe, die anderen kannten sie schon, und das übliche Saufen fing an. Mit dabei auch ein paar Mädels. Ich habe von dem Abend selbst nicht mehr viel in Erinnerung. Jedenfalls setzte ich mich ins Auto, das vor der Tür stand und fuhr los. Ich kam nicht weit, am Kaiserleikreisel, den ich volltrunken vollkommen  übersehen hatte, raste ich mit hundert Sachen über den Bordstein und kam in der Mitte der Grünfläche  mit gebrochenen Achsen zum Stehen. Mir war nichts passiert. Nur das Auto war quasi Tiefergelegt. Ich bemerkte erst Hinterher, dass sie Sitze nach hinten geklappt waren. Ich war ohne Rückenlehne gefahren. Sturz Betrunken stieg ich aus und machte mich auf den Weg nach Hause. Ich habe kein Ahnung wie ich die 15 Kilometer geschafft hatte. Am nächsten Morgen standen sie natürlich bei mir auf der Matte. Großes Trara und ich fühlte mich beschissen und Schuldig. Ich hatte keine Ahnung mehr was da in mich gefahren war. Meine Eltern kamen für den Schaden auf. Dann das Übliche. Es passierte nichts. Es ging weiter als sei nichts geschehen. Erst viel später realisierte ich was dort geschehen war. Sie hatten ganz gezielt eines der Mädels abgefüllt und hatten schon das Auto für ein Nümmerchen abgefüllt. Als ich das mitkriegte, habe ich kurzerhand das Bett zu Schrott gefahren. Ich mochte sie, das reime ich mir jedenfalls aus der Bruchstückhaften Erinnerung zusammen. Ich habe ihnen die Tour vermasselt, das macht mir heute ein gutes Gefühl. Damals fühlte ich mich beschissen und dachte noch ganz anders darüber. Ich hatte erst vor einiger Zeit erfahren, dass meine Eltern Jahre zuvor, als ich den Unfall mit dem Auge hatte, von der Versicherung eine hohe Summe ausgezahlt bekommen hatten. Durch Zufall erfuhr ich das in einer Kneipe beim Skatspielen von dem Versicherungsmenschen der mit am Tisch saß. Ich war von den Socken. Als merkte was er da ausgeplaudert hatte, musste ich ihm Versprechen ihn nicht zu verraten… Voller Wut frage ich meine Mutter nach dem Geld. Wie gesagt, das war einige Jahre später. Sie sagte nur, sie hätten davon eine neue Kautschgarnitur gekauft und das Wohnzimmer renoviert, so hätte ich ja auch was davon gehabt. Wahrscheinlich kam dazu auch noch der neue Farbfernseher, der damals ins Haus kam. Von da an war es mir nur Recht wenn sie für mich bezahlen mussten, sie sollten von dem ganzen Geld nichts haben. Was ich dann auch gemacht habe. Es war nicht das letzte Mal, dass sie Bezahlen mussten. Und wenn ich die einzelnen Posten zusammen rechne, dann kommt in Etwa die Summe heraus die sie mir Unterschlagen haben. Ich hatte kein Rechte ich war ihnen Ausgeliefert, ich konnte nichts tun und ich hasste sie dafür. Sie und den Staat der zusah wie sie mein Leben systematisch zerstörten. Selbst wenn ich hätte gehen wollen, das Gesetz war gegen mich. Was also blieb mir übrig. Rebellion, Saufen, Auto klauen, Abhauen und immer wieder eingefangen werden. Es war kein Leben, es war die Hölle. Es war eine katholische Hölle. Sie waren keine Menschen. Sie sahen nur so aus. Mit wirklichen Menschen hatten sie nur noch den aufrechten Gang gemeinsam.

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