Der Anfang 3

Der Anfang 3

Ich kam in die Schule. Die ersten Jahre waren nicht besonders, aber auch nicht besonders schlecht. Ich war ein durchschnittlicher Schüler mit einer fürchterlichen Klaue, die ich oft selbst nicht lesen konnte. Ein Hinweis darauf, dass ich kein Ich hatte. Ich habe nicht viele Erinnerung an diese Zeit. Es war eine neue Schule und ich glaube wir waren die erste Klasse die dort einzog. Ein großes Gelände mit einem großen Platz in der Mitte und an den Seiten flache Gebäude. Später kam noch ein größeres dazu in dem die Mittelschüler einzogen. Ich sollte eigentlich dabei sein, meine Lehrer schlugen mich vor und fragten ob ich nicht auf die Realschule wechseln wollte. Das war in der vierten Klasse. Ich hatte keine Ahnung. Woher auch? Ich kann mich an keine großen Einzelheiten mehr erinnern. Jedenfalls konnte ich mich nicht entscheiden. Und man schlug vor ich könne ja noch in der fünften Klasse wechseln. Ich hatte dann auch den Wunsch das zu tun und äußerte ihn meiner Mutter gegenüber. Wie immer kam eine solche Entscheidung auf den letzten Drücker. Geredet wurde über diese Thema nie. Es blieb alleine mir überlassen. Und was hatte ich für eine Ahnung was das bedeutete. Ich hatte keinen blassen Dunst was diese Entscheidung für mein weiteres Leben bedeutet. Meine Mutter sagte nein. Bumm. Einfach nein. Ich sei jetzt auf der Volkschule und dort solle ich bleiben. Basta. Dafür könnte ich ihr mit einem Baseballschläger mitten in die Fresse schlagen. Basta, Endgültig. Das ganze Maul ein einziger Matsch. Für den Rest des Lebens. Totschlagen käme mir nicht in den Sinn, nur das Lügenmaul aus der Welt schaffen. Wie ein Knüppel aus dem Sack. Aber es kam kein Knüppel der diesem Monster übers Maul fuhr. Da war kein Mensch und da war auch kein Gott. Ich war allein und ich war diesem Monster ausgeliefert. Von da an hatte ich keine Lust mehr in der Schule auch nur einen Finger zu rühren. Was ich auch bis zum Ende der Schule tat. Ich mogelte mich durch und tat nur das allernötigste um nicht sitzen zu bleiben. Ich begann die Welt zu hassen. Die Eltern, die ganze Welt. Ich traute keinem mehr. Als ich dreizehn war, explodierte vor meinen Augen eine Platzpatrone. Volltreffer. Ein Splitter davon mitten in die Pupille des linken Auges. Hornhaut kaputt, Linse kaputt. Der Splitter wurde entfernt und seither habe ich eine Narbe mitten durch die Pupille. Blind. Das Auge selbst ist dahinter noch intakt. Ich sehe noch Hell und Dunkel und ziemlich verschwommen vage Konturen. Aber ich könnte nicht einmal damit laufen. Blind. Wie ein Fotoapparat ohne Linse. Alles was ich sehe ist Matsch. Bildrauschen eines Fernsehers ohne Signal. Ich war dreizehn. Sechs Wochen Krankenhaus und ein bisschen Schonung und das wars. Mein Vater strengte einen Prozess an gegen den Verkäufer der Munition. Nach jahrelangem hin und her wurde er in letzter Instanz zu einer Geldstrafe von 2000 Mark verurteilt. Als er das Urteil hörte, begann er zu Weinen und Jammern. Sein ganzes Leben lang sei er ein anständiger Mensch gewesen und jetzt das. Meine Gefühle waren gemischt. Ich hatte diese ganze Tortur, immer wieder neue Gerichtstermine, immer wieder dieselbe Geschichte erzählen und immer wieder derselbe Ausgang. Mir nutzte die ganze Scheiße nicht das Geringste. Wie es mir ging interessierte auch niemand. Ich war alleine. Ich schloss mich immer mehr ab. Zuerst das Desaster mit der Schule, dann der Volltreffer ins Auge. Da war nichts mehr. Ich war ein Bündel widerspenstiger Angst. Zuhause folgte ich, und schwieg. Ich trieb das Schweigen auf die Spitze. Was blieb mir auch anderes übrig. Ich war ihnen Ausgeliefert. Und ich war dem geistigen Dreck ausgeliefert den sie ständig absonderten. 1968 war ich sechzehn. Ich kriegte von all dem was damals vorging so gut wie nichts mit. Die ganze Zeit ging an mir vorbei. Der ganze Aufbruch, die Hippizeit, die Musik, Beatles, Stones und was auch immer berührten mich nicht wirklich. Ich hatte keine Platten. Ich hatte kein Ich. Ergo wusste ich nicht im Geringsten was ich wollte. Ich hatte nichts zu wollen, das hatte ich gelernt. Es Herrschte der Herr im Haus und das mit aller Lautstärke die möglich war. Er konnte den ganzen Ort zusammenschreien. „Ihr Säue, ich stech euch ab“. Es ist nicht vorstellbar, man muss es erlebt haben um es Glauben zu können. Meine Mutter schwieg. Sie war das leibhaftig gewordene Schweigen. Sie Schwieg und beherrschte die Geschichte aus dem Hintergrund. Sie hatte ihn in der Hand. Er durfte nur wenn sie das wollte. Sie hatte die Fotze und damit die Macht. Er war in dieser Ehe gefangen wie in einem Zuchthaus und das bekamen wir alle zu spüren. Er hatte keine Eier in der Hose um das Drama zu beenden. Im Grund war er Kastriert. Er hatte sich selbst Kastriert. Abgefunden mit einer Rolle die nicht die Seine war und gegen die er nicht ankam. Wie ich schon schrieb, er hat nie auch nur ein Buch gelesen um seinen Horizont zu erweitern oder mal etwas anderes zu erleben. Er war in seiner Welt gefangen. Sie nicht weniger, nur hatte sie die Macht über sein Schwänzchen. Im Grunde folgte er seiner Mutter. Er ist nie erwachsen geworden, war zeitlebens nur ein motziges, rebellierendes Kind. Zu einer offenen Revolution war er nicht fähig. Dazu waren sie alle nicht fähig. Sie waren williges Vieh in einem Viehstall den sie Kultur nennen. Ein bisschen Gemotze hier und da aber mehr auch nicht. Sobald ans Eingemachte ging, zogen knickten sie ein und schrumpften zusammen zu einem winselnden Nichts. Viele sagen der Krieg hat diese Generation geprägt. Mein Vater war 1928 Geboren, zum Kriegsende war er gerade 18 Jahre alt. Das einzige was ich weiß, er war irgendwo im Osten noch in den Krieg geschickt worden und hatte den Zusammenbruch hautnah erlebt. Fast noch selbst ein Kind. Aber es wurde nie darüber geredet. Die Vergangenheit gab es nicht. Oder nur insofern, als seine Mutter, die Großeltern meines Vaters, ständig von ihrem verlorenen Sohn jammerte, ein älterer Bruder, der aus dem Krieg nicht zurück kam. Er bestimmte ihr Denken. Ich mochte diese Frau nie leiden. Auch den Großvater nicht. Die ersten Jahre hatte ich sie kaum gesehen, bis wir dann in ihr Haus und einen Anbau zogen. Er war noch ein Tagelöhner, wie es sie damals wohl noch oft gab. Er arbeitete in einem Nachbarort bei Rowenta in der Fabrikation. Sie war Hausfrau, wie das damals üblich war. Es gab noch zwei Söhne. Meine Onkel. Aber auch zu denen hatte ich wenig Kontakt. Es war keine Familie die sich gern getroffen hat. Da gab es nur die offiziellen Begegnungen zu den Geburtstagen, Taufen oder zur Kommunion der Kinder. Was für ein Leben. Es war kein Leben, es war schon der Tod zu Lebzeiten. Sie waren in sich begraben ohne jede Lebendigkeit. Keine Musik, keine Bücher, Nichts.

Bei den Böhmerwäldlern war es ein wenig anders, sie konnten wenigstens Feiern. Dann gab es großes Essen und es wurden alte Lieder gesungen. Die Hessen konnten das nicht. Sie konnten nur besoffen grölen. Aber Heimat war diesen Kleinbauern etwas Fremdes. Sie waren Vieh in einem großen Viehstall. Hundert Jahre vorher waren sie noch Leibeigene ohne jeden Willen. Und die meisten waren willige Leibeigene, willige Sklaven. Über Generationen gezüchtetes williges Menschenvieh. Sie zogen willig in die Kriege und sie ließen sich willig abschlachten, eben wie Vieh ohne Selbst.

Nachtrag

Ohne Murren trotteten sie zum Schlachten. Die Juden taten es ihnen nach. Sie waren nicht anders. Schlächter und Geschlachtete. Williges Vieh. Beide gehorchten sie Befehlen und ergaben sich in ihr Schicksal. Die Überlebenden der Sonderkommandos gebrauchten die Gleichen Rechtfertigungen wie ihre Schlächter. Sie waren gezwungene, sie waren ausgelieferte. Es blieb ihnen keine Wahl. Sie hatten denselben Glauben. Sie hatten denselben Gott. Der Gott der Bibel. Sie lebten in derselben Gedankenwelt. Sie waren williges Vieh ihres Gottes und ihrer Priester. Wie ein Priester fühlte sich Hitler von Gott berufen sie ins Paradies zu führen. Das Einzige was kam war der Tod, für Beide.

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