Der Anfang 2

Der Anfang 2

Was hatte ich von meiner Kindheit? Ich hatte keine Kindheit. Punkt. Ich hatte auch keine Jugend. Punkt. Kaum war die Hochzeit vorbei wurde ich geboren. Das Haus in dem wir Wohnten steht schon lange nicht mehr. Heute ist dort ein Parkplatz. Ein zweistöckiges Gebäude mit einer großen überbauten Einfahrt. Darüber wohnten wir. Davor die Straße, dahinter ein umbauter Hof. Das einzige Klo war auf dem Hof, direkt neben dem Misthaufen. Ich habe nicht viel Erinnerung an diese Zeit. Bruchstücke. Im Sommer stand im Hof ein Laufstall mit Holzstäben, darin ich. Meine Mutter arbeitete in einer Lederwarenfabrik. Mein Vater war Dreher. Beide arbeiteten, versorgt wurde ich von der Großmutter. Die Eltern meiner Mutter waren Flüchtlinge aus dem Böhmerwald. Sie waren mit drei ihrer vier Töchter im Dorf eingewiesen worden wie Millionen andere. 1952, der Krieg war noch nicht lange vorbei. Ich ahnte davon nichts. Mit im Haus die Großeltern und noch eine Schwester meiner Mutter. Die dritte Schwester lebte mit Mann und Kind in einem ehemaligen Backhaus des Ortes. Dieser Onkel hatte einen an und Verkaufsladen in Offenbach und er hatte ein Auto mit dem er jeden Tag in die Stadt fuhr. Manchmal durfte ich später mitfahren. Es gab ein Hallenbad nicht weit weg. Ich kann mich erinnern, dass ich mich nicht alleine hinein traute. Voller Angst strich ich die ganze Zeit durch die Straßen. Ich weiß nicht mehr wie alt ich war. Angst war schon damals ein Thema. Ich hatte Angst vor anderen Menschen. Ich hatte Angst in einen Laden zu gehen. Ich war ein schüchternes Kind, ein Mamakind. Ich traute mir nichts zu, hatte kein Selbstvertrauen, kein Selbstbewusstsein. Später sagte ich, ich hatte kein Ich.

Meine Großmutter hatte ein offenes Bein. Jeden Tag konnte ich sie dabei beobachten wie sie den Verband wechselte und das blanke blauschimmernde, teils verschorfte, blanke Fleisch zum Vorschein kam. In der Mitte ein Krater, ein Loch bis auf den Knochen des Schienbeins. Die ständig austretende Lymphe bildete einen Schorfrand um die Wunde. Sie hat viele Jahre mit diesem Leiden zugebracht. Bis es irgendwann gelang die Wunde zu Heilen. Meine Großmutter versorgte mich den Tag über. Irgendwann kam ich in den Kindergarten, von katholischen Nonnen geführt. Sie wohnten in einem Haus neben dem Kindergarten. Eine Manie meiner Großmutter war das Fläschchen, das sie mir jeden Tag machte. Ich erinnere mich, dass ich dieses Fläschchen noch bekam als ich schon in die Schule ging. Vielleicht war es auch zum Ende der Kindergartenzeit. Jedenfalls brachte ich zwei Jungs mit und meine Großmutter bestand darauf, dass ich das Fläschchen trank. Dazu musste ich mich auf das Sofa legen und es leer nuckeln wie ein Säugling. Die zwei Jungs machten sich natürlich lustig über mich. Das war nicht schön. Ich habe lange gebraucht um zu begreifen was diese Frau, meine Großmutter, mit mir angerichtet hat. Ich war ihr ausgeliefert. Sie wollte immer, dass ich Pfarrer werde. Das habe ich damals nicht begriffen, im Nachhinein ist natürlich klar, ich war ein Kind der Sünde. Das Wichsprodukt einer Laune um es mit meinen Worten auszudrücken. Sie war eine große, schweigsame Frau. Sie las mit großem Vergnügen bis ins hohe Alter jeden  Tag Groschenromane. Western, Liebesromane, was auch immer. So kenne ich sie. Am Küchentisch sitzend und ein Heftchen in der Hand. Sie war katholisch und ging fast täglich früh in die Kirche. Im Hochamt, sonntags sah ich sie allerdings nie. In der Zeit, als ich in die Schule kam, zogen wir um in das Haus der anderen Großeltern. Die hatte ich bis dahin kaum gesehen und ich mochte sie nicht besonders. Es war eine fremde Welt in die ich da kam. Es waren Hessen und ich war mit Böhmisch aufgewachsen, das war meine Muttersprache. Die ganze Familie redete Böhmisch, Österreichisch. Mit anderen kam ich wenig in Kontakt. Sie waren unter sich, das hat sich, zumindest bei meiner Mutter nie geändert. Auch meine Großeltern waren Fremde im Dorf. Es gab noch ein oder zwei andere Familien aus der Gegend, zu denen gab es mehr Kontakt als zu den Einheimischen. Mein Großvater war Zimmermann. In Böhmen hatte besaßen sie bis zur Vertreibung einen großen Bauernhof, davon erzählte er mir oft. Geschichten die weit weg waren von meiner Realität. Ich war oft bei meinen Großeltern. Auch später noch, als sie in ein eigenes Haus gezogen waren. Als ich fast neun war, wurde mein Bruder geboren. Noch sechs Jahre Später meine Schwester. Meine Mutter war 39, für die damalige Zeit ein hohes Alter für ein Kind. Ich mochte meine Mutter nicht mit ihrem dicken Bauch. Sie hatte einen Ledermantel der unglaublich über ihrem Bauch spannte, es sah zu Kotzen aus. Ich konnte mit meinen Geschwistern nicht viel anfangen. Es war eine graue Zeit. Der Umzug in eine fremde Umgebung, in eine neue Welt mit neuen Menschen die ich nicht mochte, die mich auch nicht mochten, da bin ich mir heute sicher. Es gab keine Beziehung zwischen uns. Ich hatte keine Beziehungen die auf Sympathie, auf Liebe gründeten. Ich war das ungewollte Kind. Ich war schuld, dass mein Eltern heiraten mussten. Das sagte zwar niemand, aber es lag in der Luft. Das wusste ich natürlich damals noch nicht. Erst viele Jahre Später fand ich heraus, dass meine Mutter schon lange Schwanger war als sie heirateten. Es wurde auch nicht darüber geredet. Es wurde ohnehin nicht viel geredet. In der Beziehung meiner Eltern habe ich gesehen wie man es nicht machen sollte. Das war zwar eine Ehe auf dem Papier, aber die beiden liebten sich nicht einen Tag, nicht eine Stunde, wahrscheinlich nicht eine Sekunde in ihrem Leben. Das konnte jeder sehen, das konnte jeder beobachten. Ich hatte keine Ahnung. Woher auch. Ich hatte keine Vorstellung was um mich herum geschah. Es war eine Scheinwelt, eine Wahnwelt. Sie spielten Familie. Der Gipfel waren dann die anderen Kinder. Sie wurden ganz bewusst gezeugt. Sie waren Wunschkinder. Wunschkinder meiner habgierigen Mutter. Sie hatte sonst nichts und die einzige Fähigkeit die sie hatte nutzte sie hemmungslos aus. Sie war nicht fähig zu Liebe. Sie war ein Monster ohne jede Moral und Gewissen. Sie war das was ich heute eine willige Menschenzuchtsau nenne. So wie andere, die vielleicht noch einen Lebendigkeit in sich haben, und sich nur einen Hund oder eine Katze anschaffen, so hat sie sich dieses Kreatur zwei Kinder beschafft. Mein Vater war dabei ihr williger Handlanger. Er war ihr Knecht. Er hatte die Kurve nicht gekriegt. Er war gefangen in einer Ehe, die er nicht gewollte hatte, in die er gezwungen wurde durch eine perverse Kultur, durch einen perversen Glauben. Nicht einen Tag in den zwanzig Jahren die ich mit ihnen verbringen musste erlebte ich eine zärtliche Geste zwischen den Beiden ein liebes Wort, nichts. Was ich von Anfang an erlebte war Hass, Hass und nochmal Hass. Jeden Tag hörte ich sein Geschrei, seine Wut, seine Hassanfälle. Jeden Tag erlebte ich die Niedertracht zwischen den Beiden. Wobei meine Mutter die mit Abstand perversere war. Sie war eine Sadistin, ein Monster wie ich schon sagte, ein Monster ohne Moral und Gewissen. Woher auch, sie war nicht Empathiefähig, sie kannte keine Liebe. Sie war mit Leib und Seele eine deutsche, katholische Zuchtsau. An ihrem Sadismus, ihrer Habgier, an ihrer Niedertracht hat sich bis heute nichts geändert.

Als ich in die Schule kam, hatte ich erhebliche Schwierigkeiten. Ich war sehr ängstlich. Schüchtern würde man sagen. Das hatte natürlich Gründe. Zuhause galt die Regel nur nicht auffallen. Ich entwickelte autistische Züge und zog mich in mich zurück. Draußen war nichts, mein Leben konnte nur in mir stattfinden. Ich hatte keine Mutter, ich hatte keinen Vater und ich hatte keine Freunde. Ich kannte keine Liebe. Da war niemand, ich war alleine. Es gab einmal einen kleinen Lichtblick, ich war vielleicht drei oder vier Jahre alt. Da wurde vor unserm Haus ein neuer Kanal verlegt. Die Straße war gesperrt und in der Mitte aufgebaggert. Ich konnte das vom Fenster aus beobachten. Der Mann auf dem Bagger arbeitete direkt vor meinem Fenster. So entstand eine echte sympathische Beziehung. Ich durfte auf den Bagger. Ich erinnere mich noch, dass ich eine Banane geschenkt bekam. Ich weiß nicht ob das mehr als ein Tag war, ich habe es jedenfalls nie vergessen, es war eine andere Welt, die ich da kennenlernte. Ich hatte einen Freund gefunden. Für ein paar Stunden für ein paar Tage. Dann war nichts mehr. Ich kann mich an keine ähnliche Beziehung während meiner ganzen Kindheit und Jugend mehr erinnern. Da waren keine sympathischen Beziehungen, da war keine Liebe. In der Schule hatte ich Schwierigkeiten. Ich war zwar hochintelligent wie sich viel später herausstellte, aber ich konnte meine ganzen Fähigkeiten nicht ausleben. Als wir anfingen Lesen und Schreiben zu lernen. Bekamen wir Aufgaben mit nach Hause. Ich jammerte solange, bis meine Mutter den Griffel in die Hand nahm und die Tafel beschrieb. Dabei versuchte sie ihre Handschrift zu verstellen. Was natürlich nicht gelang. Die Lehrerin bemerkte den Betrug und stellte mich vor der ganzen Klasse bloß. Das war wohl gleich in der ersten Klasse. Was hatte ich von einer solchen Mutter zu erwarten? Sie war ein Monster. Meine ganze Angst kam von ihr und meinem Vater. Ich hatte keine Eltern. Sie scherten sich einen Dreck um mich. Das Einzige was sie interessierte war wie sie dastanden. Sie wollten gute, brave Menschen, oder Tiere sein wie ich es heute sagen würde. Sie waren selbst Züchtungen, Wichsprodukte des Geistes. Liebe kannten sie nicht. Sie waren williges Vieh. Ihr Selbst kam nur in ihrem Hass zum Ausdruck. Mein Vater war nicht in der Lage das Drama zu beenden. Er konnte nicht einfach gehen und sagen, sorry, es war ein Fehler, ich hätte das nicht tun sollen. Das Kind ist zwar auch mein Kind, aber ich liebe es nicht und ich liebe die Frau nicht die ich gefickt habe und ich habe sie nie geliebt. Ich habe sie gefickt, weil sie stillgehalten hat und sonst war da nichts und es wird auch nie etwas sein. Und dann hätte er gehen sollen. Das wäre ehrlich gewesen und verständlich und es wäre ein menschliches Miteinander möglich gewesen. So blieb er sein Leben lang an die willige Zuchtsau gebunden und hoffte sein Leben lang darauf, dass irgendwann die ersehnte Liebe doch noch auftaucht. Er hat sich getäuscht und sich um sein eigenes Leben betrogen. Sie gab ihm dann den Rest. An Weihnachten 2001 hat sie ihm mit ihrem Sadismus einen solchen Stich ins Herz verpasst, dass er nur noch ein paar Wochen überlebte. Ich war dabei. Und ich nenne sie eine perverse, sadistische Mörderin, ein Monster ohne jede Moral und Gewissen. Sie kannte keine Grenzen, sie kannte kein Selbst, sie kannte kein Ich. Das kannte sie bei sich nicht und das kannte sie bei anderen nicht. Sie war zeitlebens ein williges Vieh. Menschenvieh. Und ich habe diese Frau gehasst, von Anfang an. Das ist mir auch erst viel später klar geworden. Es ist nicht üblich, dass ein Kind seine Mutter hasst, das ist unnatürlich und es ist nicht zu verstehen. Es wiederspricht allen Erfahrungen. Es musste erst eine grundlegende Erkenntnis diese Erfahrung verständlich machen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Biografie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s